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Technische Innovation - Auswirkung auf Bildung und Schule.
Prof. Egon Hörbst
Technik
hat nur manchmal einen direkten Einfluss auf das Bildungssystem. Neue
Techniken, ob nun Kugelschreiber oder PC können im Bildungssystem
eingesetzt werden, aber zunächst besteht dazu kein Zwang. Wenn aber
technische Entwicklungen zu Veränderungen der Gesellschaft führen,
dann wird die Gesellschaft auch das Bildungssystem verändern, das
Bildungssystem als Teilsystem der Gesellschaft muss sich dann mit der
Gesellschaft verändern.
Die
Entwicklung von PC und Netz wird weitgehend von der Mikroelektronik bestimmt.
Sie bildet die Basistechnologie für die meisten technischen Entwicklungen,
vom PC über numerische Steuerungen, Vermittlungstechnik, Autoelektronik
bis zur Verkehrstechnik. Die rasante Entwicklung der Mikroelektronik hat
daher alle technischen Bereiche beeinflusst.
So
entwickelt sich die Speicherkapazität, gemessen in Bit/ Bausteinen
von 1995 bis 2010 um den Faktor 1000 bei weitgehend gleichbleibenden Kosten
pro Chip.
Hand in Hand mit der Speicherentwicklung geht auch die Entwicklung der
Prozessorleistung. Hier erwarten wir eine Steigerung um den Faktor 100
von 1995 bis zum Jahr 2010. Dann könnte ein einziger Chip die Leistung
des bekanntesten Höchst-leistungsrechners von 1980, der CRAY 2, erbringen.
Mit
den derzeit bekannten Technologien lassen sich also bis zum Jahr 2010
noch deutliche Steigerungen in Packungsdichte und in Geschwindigkeit erzielen.
Bei dieser Entwicklung drängt sich die Frage auf, wo die Grenzen
sind. Weltweit wird in allen Forschungslaboratorien an der Single-Electron-Technik
oder Single-Device-Technologie gearbeitet. Darunter versteht man eine
Technologie, mit der es möglich ist, ein Speicherelement (einen Transistor)
mit nur einem Elektron zu realisieren. 1970 waren dazu noch 10 Millionen
Elektronen notwendig, heute kommt man mit 10.000 Elektronen aus. Gelingt
den Wissenschaftlern ihr Vorhaben, dann werden wir ca. im Jahre 2030 mit
einem Elektron auskommen und können dann Speicherbausteine mit einem
Terabit (1.000 Mal eine Milliarde) realisieren. Die bekannte Technologie
ist dann ausgereizt, aber es ist nicht gesagt, dass man mit anderen Verfahren
und Speicherstrukturen nicht noch weitere Schritte in Richtung höherer
Speicherdichte und höherer Prozessorleistung machen kann.
Seit
1970 steigt die Speicherdichte pro Chip alle zwanzig Jahre um den Faktor
1.000 und dies hält sicher noch bis 2030 an. Mit anderen Worten,
wir sind noch mitten in dieser rasanten Entwicklung und werden all ihre
Vorteile aber auch Nachteile noch lange mittragen. Besonders wirkt sich
diese Entwicklung auf die Arbeitswelt aus.
Wir
sprechen heute häufig von der Informations- oder Wissensgesellschaft.
Dabei greifen wir zurück auf eine Untersuchung des sowjetischen Wissenschaftlers
Kondratieff, die von Leo A. Nefiodow vorgestellt und um einen Zyklus,
den fünften Kondratieff, ergänzt wurde. Kondratieff weist nach,
dass es lang anhaltende Wirtschaftszyklen gibt, die von einer neuen Technik
bestimmt sind und die vorhergehende Technik ablösen. Damit reduzieren
sich auch die Arbeitsplätze der alten Technik und werden durch neue
ersetzt So löste das Industriezeitalter die Landwirtschaft ab und
wird nun seinerseits vom Informationszeitalter verdrängt. Die Hoffnung,
die in dieses Modell gelegt wird, besteht darin, dass die Arbeitsplätze,
die durch Rationalisierung und Automatisierung wegfallen, durch neue Arbeitsplätze
der Informationsgesellschaft ersetzt werden. Wenn wir zurücksehen,
dann erkennen wir, wie viele Arbeitsplätze durch Software und bessere
Hardware ersetzt wurden.
Diese
Entwicklung ist auch mit gesetzlichen Maßnahmen nicht aufzuhalten,
sie ist weltweit und stetig. Wir müssen davon ausgehen, dass sich
die Struktur unseres Arbeitsmarktes ändert und uns auf diese veränderte
Situation einstellen. So sind im Jahr 1997 in Deutschland 17 neue Berufe
definiert worden, die das Spektrum vom Industrieelektroniker über
IT- Kaufmann/ -frau bis hin zum Eventelektroniker umfassen. All diese
Berufe verlangen allerdings eine relativ hohe Qualifikation. Technologische
und wirtschaftliche Entwicklungen führen aber nicht nur zu Arbeitsplätzen
mit anderen Qualifikationen, sondern durch Änderungen in den Organisationen
auch zu neuen Formen der Arbeitswelt.
Die Informationsgesellschaft führt auch zu einer Veränderung
der Arbeitswelt, der Firmenorganisation und somit der Arbeitsplätze.
Die Märkte haben sich von Anbietermärkten zu Käufermärkten
gewandelt. Während im Anbietermarkt der 50er, 60er und 70er Jahre
eindeutig ein Nachfrageüberhang bestand, besteht heute in den Industrieländern
auf vielen Märkten ein Angebotsüberhang.
Diese Veränderungen der Märkte führen in den Unternehmen
zu einer Veränderung im Verhalten. Während früher Produkt-
und ingenieurorientiert gedacht wurde und Kapazitätsbeschaffung sowie
Aufbau von Produktionsmitteln und Logistik die wesentlichen Aufgaben waren,
muss heute vor allem markt- und kundenorientiert agiert werden.
Marktanforderungen wie Bedürfnisse, Probleme und Wünsche unserer
Kunden, marktorientierte Gestaltungsinstrumente sowie Problemlösungen
und Kundennutzen treten immer mehr in den Vordergrund. Zunehmende Konkurrenz
und globale Märkte mit unterschiedlichster Ausprägung zwingen
dazu, immer schneller und marktnäher zu handeln. Die Notwendigkeit,
schnell und flexibel zu handeln, und zwar global mit Ausrichtung zum Kunden,
führt zwangsläufig zu einer Veränderung der Organisation
und der Unternehmenskultur. Man geht zunehmend weg von der starren, funktionsorientierten
Organisation zu einer flexiblen Form, die mehr nach Projekten orientiert
ist und quer über das Unternehmen reicht. Diese Organisation ist
heute mittlerweile üblich, viele Firmen befinden sich sogar bereits
auf dem Weg zur nächsten Stufe, bei der einzelne Gruppen oder Mitarbeiter
nur noch temporär zu Projekten (auch virtuell) zusammengeschlossen
sind. Die Zusammenarbeit ändert sich dabei rasch je nach Anforderung.
Es können die unterschiedlichsten Mitarbeiter, Firmenteile oder auch
verschiedene Firmen lokal oder über Netz für eine bestimmte
Zeit ein "virtuelles" Team oder eine virtuelle Firma bilden.
Für diese arbeitswelt benötigen die Mitarbeiter:
-
Fähigkeit
zum selbständigen Lernen (lebenslanges Lernen),
- Bereitschaft zur Eigenverantwortung,
- Fähigkeit zum selbständigen Arbeiten nach Zielvorgaben
Eine besondere Bedeutung kommt dabei dem Breitenwissen zu. Das Schlagwort
heißt hier: Breite vor Tiefe. Damit ist nicht oberflächliches
Wissen gemeint, vielmehr sollte gründliches Wissen in einer Disziplin
durch breites Wissen in vielen Disziplinen ergänzt werden. Das vergangene
Jahrhundert hat die Wissenschaft in stark abgegrenzte Fächer und
Disziplinen aufgeteilt und zu einer "Kleinstaaterei" der Wissenschaftswelt
geführt. Die realen Probleme in der Wirtschaft tun uns nicht den
Gefallen, sich disziplinär oder gar fachlich zu definieren. Um reale
Probleme zu lösen, muss über Fächer und Disziplinen hinaus
gedacht werden. Der Experte der Informationsgesellschaft ist wieder der
Weise, der um Rat gefragt wird und das Problem lösen kann, nicht
aber Detailwissen vermittelt.
In
der Informationsgesellschaft hat sich das Umfeld für den Unternehmer
geändert. Die wirtschaftlichen und politischen Veränderungen,
die Globalisierung der Märkte und des Wettbewerbs führen zu
einer Globalisierung des Geschäfts, zu regionalen Einheiten dezentraler
Führungsstrukturen und virtuellen Projekten.
Diese Anforderungen an die Unternehmen können nur erbracht werden,
wenn die Mitarbeiter entsprechend ausgebildet und vorbereitet sind. Dem
Bildungssystem kommt in jeder Gesellschaft eine hohe Bedeutung zu, besonders
dann, wenn sich größere Veränderungen abzeichnen.
Wie
könnte/müsste sich nun das Bildungssystem in der Wissensgesellschaft
verändern?
Man kann drei prinzipielle Fälle unterscheiden:
1) Computer (IT) als eigenes Unterrichtsfach
2) Computer (IT) in Unterrichtsfächern,
3) Veränderung der Strukturen des Bildungssystems.
Diese Forderungen führen im Einzelnen zu folgenden möglichen
Veränderungen:
1)
IT als Unterrichtsfach:
In
spätestens 10 Jahren hat der PC eine Komplexität und eine Fülle
von Anwendungsprogrammen, dass das Spielen mit der Maus alleine keine
Kompetenz mehr darstellt. Das Verständnis von PC und Netz und das
Wissen über die damit verbundenen ethischen Fragen wird eine wesentliche
Voraussetzung für einen qualifizierten Arbeitsplatz sein. Dieses
Wissen kann nicht mehr nebenbei in anderen Fächern vermittelt werden.
Das Bildungssystem muss diesem Umstand mit einem eigenen IT - Fach Rechnung
tragen. Da man nicht davon ausgehen kann, dass alle Schüler zu Hause
einen Zugriff zum PC / Netz haben, ist dies auch aus Gründen der
Chancengleichheit erforderlich.
2)
IT in Unterrichtsfächern:
Wenn
der PC nicht nur vom Lehrer zu Demonstrationszwecken benutzt wird, sondern
auch für den Unterricht notwendig ist (Prüfungen, Vorbereitungen)
, dann muss PC/IT in der Schule als Fach gelehrt werden.
Ob der Lehrer den PC zum Unterrichten verwendet, ist weitgehend seine
eigene Entscheidung, er wird es dann tun, wenn mit dem PC das Lernziel
besser erreicht werden kann. Auf Dauer wird jeder Lehrer PC und Netz für
seine Vorbereitung verwenden, so kann er sich aktuelles Wissen jederzeit
aneignen und muss nicht befürchten, hinter dem Wissen der Schüler
zurück zu stehen.
3)
Neue Strukturen im Bildungssystem:
Strukturen
in der Gesellschaft finden ihren Niederschlag im Bildungssystem. Prinzipiell
neue Strukturen in der Arbeitswelt und Gesellschaft werden auch zu neuen
Strukturen im Schulsystem führen.
Die Schule sollte versuchen, die Jugend auf neue Strukturen in der Arbeitswelt
vorzubereiten, auch dadurch, dass sie selbst solche Strukturen zumindest
teilweise einführt. So könnte das Bildungssystem zu Lösungen
neuer Gesellschaftsprobleme, die in einer virtuellen Arbeitswelt sicher
auftreten werden, beitragen.
Welche
Veränderungen könnte man sich beim Bildungssystem vorstellen?
Viele
Strukturen des heutigen Schulsystems sind durch den zentralen Ort "Schule"
zu erklären. Wenn alle Schüler zum lernen zu einem Ort gehen
müssen, dann ergibt sich die Festlegung, wie, was und wann gelehrt
wird von selbst. Hier steht das Lehren im Zentrum. Wenn man einmal einen
virtuellen Lernplatz annimmt, dann wäre die Wahl des Stoffes, die
Lernzeit und die Lernmethode vom Lernenden frei (oder zumindest in einem
bestimmten Rahmen) wählbar, es wäre der Lernende im Zentrum.
Wenn man sich in Analogie zum virtuellen Arbeitsplatz einen virtuellen
Lernplatz vorstellt, dann könnte die Schule 2030 folgende Charakteristika
haben:
-
Selbstständiges
Lernen mit PC und zu Hause
- Lernorte in Kommunen und Schulen
- Größere Freizügigkeit beim Lehrstoff
- Keine festen Stundenraster, Tageseinteilung
- Seminare, Gruppenarbeit, Präsentationen, Diskussionen an gemeinsamen
Tagen in der Schule
- Geplanter Auslandsaufenthalt
- Internationaler (europäischer) Standard
- Zentrale Prüfungen oder Creditpointsystem
- Schule vermehrt für soziale Fragen.
Wenn dies alles auch technisch und wirtschaftlich in Zukunft machbar ist,
so bleibt natürlich die Frage offen, ob es und wie viel davon pädagogisch
sinnvoll ist. In welchem Alter kann man damit anfangen, wo liegen die
Gefahren, wo die Chancen eines solchen Systems?
Es wäre wünschenswert, wenn sich das Schulsystem, neben allen
Tagesproblemen, schon heute mit solchen Fragen beschäftigte, um nicht
plötzlich vor vollendeten Tatsachen zu stehen. Notwenige (und sinnvolle)
Veränderungen sollte man antizipieren und nicht als Letzter unter
Druck realisieren.
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